Mittwoch, 2. Juni 2010

Marcel Reich-Ranicki wird 90.

Eingestellt von Falballa um Mittwoch, Juni 02, 2010
"Er ist der populärste Kritiker nach dem Krieg und fühlt sich doch ausgegrenzt. Deutsche trachteten ihm nach dem Leben, aber in der deutschen Literatur fand er seine Heimat. Jetzt feiert Marcel Reich-Ranicki seinen 90. Geburtstag – wenn auch widerwillig."
 So wird auf Focus ein Artikel anlässlich des 90. Geburtstags de Kritker Marcel Reich-Ranicki eingeleitet - passend, wie ich finde.

Heute ist der Tag, an dem er 90. wird, doch die Feierlichkeiten bereiten ihm nicht nur Freude, wie er sagt: „Ich bin in einer schwierigen Situation, denn solche Anlässe bergen erfahrungsgemäß die Gefahr von Intrigen. Im Laufe meines Lebens habe ich mich jedoch daran gewöhnt.“ 

Bereits seit 1958 lebt er in Deutschland, und genießt großes Ansehen unter Kollegen, aber angekommen, ist er bis heute nicht! Sein Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen ist bis heute belastet, denn er kam 1929 schon einmal nach Berlin, wurde aber ausgewiesen, als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen. In einem Ghetto in Polen lernte er seine Frau kennen, und schaffte nur durch und mit ihr die Flucht und fand einen Unterschlupf, der ihn vor dem Tod bewahrte.


Nach vielen gescheiterten Versuchen Fuß zu fassen kam er nach Deutschland mit wenig hab und gut, nur 4 Übersetzungsbüchern. Bei "Die Zeit" kann er sich schnell einen Namen machen und wird als Kritiker anerkannt und bezeichnet sich selbst als "Vermittler zwischen Autor und Publikum". "Zu langweilen sei die größte Sünde des Kritikers, betont Reich-Ranicki stets". 

Doch trotz dieser Anstellung, wird er nicht ganz aufgenommen - ein Festvertrag wird ihm lange verwehrt. Auch ein Wechsel zur FAZ lässt ihn seinen Platz nicht wirklich finden. Er erhält in der Zeit viele Preise (z.B. neun mal Ehrendoktorwürde), aber seinen "Durchbruch" schafft er erst durch "Das literarische Quartett" beim ZDF und macht sich selbst zum "Literaturpapst".

Der Focus Bericht schließt ab, mit einer Charakterisierung des Menschen Reich-Ranicki:

"So bleibt Reich-Ranicki auch im zehnten Lebensjahrzehnt, was ihn stets ausgezeichnet hat: ein polemischer, streitbarer, aber auch sehr verletzlicher Geistesmensch. Einer, so formuliert es Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden, „dessen Liebe zur Literatur ihn über die tiefsten Abgründe menschlichen Schicksals getragen hat“."

Focus hat auch ein Interview mit Karasek geführt und ihm Fragen zu Marcel Reich-Ranicki gestellt, das ich hier Auszugsweise zeigen möchte:
FOCUS: Was fiel Ihnen auf, als Sie sich kennen lernten?

Karasek: Zunächst seine ungeheure Energie. Paradoxerweise ist das ein Phänomen, das Deutsche und Juden dieser Generation gemeinsam haben: Sie schafften es, das bedrohte und zerstörte Leben aus den Trümmern wiederauferstehen zu lassen. Ungewöhnlich war, dass er sich zweimal täglich rasierte. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er, das sei eine Angewohnheit aus dem Ghetto; wer unrasiert war, habe ungesund ausgesehen und lief Gefahr, ins KZ deportiert zu werden.
FOCUS: Warum wurde Reich-Ranicki zum Fernsehstar?

Karasek: Weil er über einen wunderbaren Humor und eine absolut erstaunliche, fernsehgerechte Geistesgegenwart verfügt. Ich erinnere mich noch gut an eine Folge des „Literarischen Quartetts“, in der er einen Roman Martin Walsers scharf angriff. Plötzlich brach draußen ein Gewitter mit Donner und Blitz los. Reich-Ranicki hob daraufhin die Hände und rief theatralisch: „Man wird doch wohl noch etwas gegen Walser sagen dürfen!“
FOCUS: Was wünschen Sie ihm zum Geburtstag?

Karasek: Obwohl ich deutlich jünger bin als er, verwischt sich mittlerweile der Altersunterschied. Deshalb möchte ich einen Ausspruch Billy Wilders variieren: „Möge uns die Erde leicht werden, solange wir noch auf ihr weilen.“

Auch wir gratulieren Marcel Reich-Ranicki zu seinem 90. Geburtstag und hoffen, dass er noch lange seinen Senf dazu gibt!


Quelle: Focus
Komplettes Interview mir Karasek: HIER
Foto: ddp
 

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